Auf der Suche nach neuem Erfolg

Karl Mays werke haben die besten Jahre hinter sich ein neuer Film soll die Auflagenrückgänge stoppen. 

 

Dresden (dapd-lsc). Jahrzehntelang war er der meistgelesene deutsche Schriftsteller, doch nun könnten Karl Mays Abenteuerromane zu Ladenhütern werden. Experten stellen einen deutlichen Rückgang der Leserzahlen fest. Selbst der Geschäftsführer des Karl-May-Verlags, Bernhard Schmid, räumt ein, der Schöpfer von Winnetou und Old Shatterhand "wird nicht mehr ganz so viel gelesen". Um den kuriosen Autor nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, wollen der Verlag und May-Fans vor allem junge Leser zurückgewinnen. Ihre Hoffnungen ruhen auf einem neuen Kinofilm, dessen Drehbeginn aber noch in den Sternen steht.
"Nach Karl-May-Büchern habe ich seit eh und je null Nachfrage", sagt der Dresdner Buchhändler Jörg Scholz-Nollau. Seit 14 Jahre betreibt er seinen Laden im Stadtteil Neustadt, der besonders bei jungen Leuten und Familien beliebt ist. "Autoren wie Astrid Lindgren, Michael Ende oder Erich Kästner verkaufe ich gut, aber May reizt niemanden mehr". Woran das liege, sei schwierig zu sagen. Mays Bücher seien zwar spannend, würden aber offenbar nicht mehr in die Lebenswelt der Leser passen, sagt der 45-Jährige.

 

Ähnlich sieht es der Koblenzer Literaturwissenschaftler Helmut Schmiedt. "In letzter Zeit ist das Lesen von Karl May deutlich zurückgegangen", sagt der Experte. Früher hätten Mays Werke in den Regalen vieler Familien gestanden. "Heute stelle ich bei meinen jungen Studenten fest, dass kaum jemand Winnetou und Old Shatterhand gelesen hat." May werde immer mehr zum Nischenprodukt.


Der Bamberger Karl-May-Verlag als größter Herausgeber der Werke schweigt über die konkreten Auflagenzahlen. Die Lage sei längst nicht so schlimm, wie von Experten und Medien oft erklärt, sagt Geschäftsführer Schmid. "Karl May wird gern tot gesagt, aber das stimmt nicht." In den besten Zeiten, den 1960er- und 70er-Jahren, seien mehrere Millionen Exemplare über die Ladentische gegangen. Heutzutage seien es jährlich noch mehr als 100.000 Bücher, obwohl der Handel mit gebrauchten Exemplaren im Internet eine immer ernstere Konkurrenz werde. "Doch das Geschäft mit Karl May läuft", beteuert Schmid.

Der Sachse Karl May (1842 bis 1912) gilt als der meistgelesene deutsche Schriftsteller. Mehr als 200 Millionen Bände in mehr als 30 Sprachen wurden weltweit verkauft - die Hälfte davon in Deutschland. Ein Rekord, der dem in ärmsten Verhältnissen in einer Weberfamilie geborenen May nimmer zuzutrauen war.
Der mit viel Fantasie ausgestattete Erzgebirger saß jahrelang wegen Diebstählen und Hochstapelei im Gefängnis. Den Lehrerberuf musste er an den Nagel hängen. Im Alter von 32 Jahren ließ er seine kriminelle Vergangenheit dann aber hinter sich. Das Ergebnis waren unter anderem Old Shatterhands Abenteuer im Wilden Westen und Kara Ben Nemsis Heldentaten im Orient, die dem Schriftsteller noch zu Lebzeiten viel Ruhm und Geld einbrachten.

"Die Erzählungen sind absolut zeitlos. Toleranz, Freundschaft, Vertrauen und Lust am Abenteuer spielen bei Karl May eine wichtige Rolle", sagt der Geschäftsführer der Karl-May-Gesellschaft, Ulf Debelius. Die sinkende Popularität seines Idols bereitet ihm aber Sorgen. "Das Allerwichtigste wäre ein neuer Kinofilm oder eine Fernsehverfilmung." Das würde die Verkaufszahlen der Bücher ankurbeln, ist er sich sicher. Zumal es weder aktuelle Computerspiele noch sonstige Multimedia-Produkte über Winnetou und dessen Blutsbruder Old Shatterhand gebe.
Doch der erhoffte Kinostreifen lässt auf sich warten. Seit drei Jahren arbeitet die Münchner Produktionsfirma Constantin Film an dem Stoff. Die Neuverfilmung von Winnetou sei noch in der Drehbuchentwicklung, erklärt der Vorstand Film und Fernsehen von Constantin, Martin Moszkowicz. Ein Beginn der Dreharbeiten sei nicht absehbar. Viel zu früh sei es auch für Fragen nach neuen Kompositionen der Filmmusik oder der Rollenbesetzung.

Ein neuer Winnetou-Film sei längst überfällig, findet auch Verlagsgeschäftsführer Bernhard Schmid. Die alten Filme aus den 1960er-Jahren hätten damals zu einem sprunghaften Anstieg der Buchauflagen geführt. Heutzutage seien die Streifen mit Pierre Brice und Lex Barker für die Jugendlichen jedoch "alte Schinken".


Hoffnung setzt Schmid zudem in ein Pilotprojekt des Aachener Epidu-Verlags. Das Start-Up-Unternehmen will im April als erste Firma sogenannte E-Book-Cards in deutschen Buchläden verkaufen. Die Karten enthalten einen Code, mit dem ein Buch im Internet auf ein Smartphone oder Tablet-PC heruntergeladen und gelesen werden kann, wie Epidu-Mitarbeiterin Anja Zölß erklärt. Unter den 60 Titeln mehrerer Buchverlage sei auch Winnetou, Band 1. Für die Vermittlung bekommt Epidu einen Obolus.
Buchhändler Jörg Scholz-Nollau bleibt dennoch skeptisch. "Ob das den Buchläden und Karl May hilft, wage ich zu bezweifeln."
dapd
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